Wir leben mit Rissen

Wir leben mit Rissen in den Wänden,
ist es dir aufgefallen?
Wir leben auf sich entfärbenden Dielen,
unter beweglicher Decke.
Das Fensterkreuz ist längst
von Fäulnis durchgefressen, es zieht
im Sommer schon die kalte Nachtluft
hindrungslos herein.
Wir wohnen illegal, mach das
dir täglich neu bewusst, dass sonst
wir beide auf der Strasse sässen.
 
Wir hausen im Prenzlauer Berg,
vier Treppen hoch unter dem Dach.
Tauben gehn fast aus und ein.
Die Asseln töt ich unbemerkt von dir
ganz schnell unterm Fensterbrett,
die schwarze Spinne unterm Becken,
fünfzig Jahr alt, in der Küche
erschlage ich trotz grossen Ekels,
obwohl der Anblick sehr ästhetisch,
und Schauer mir den Rücken kämmen.
 
Ich strich die Türe schwarz,
wodurch Besucher, viel zu seltne,
hergelangen, unter Frageblicken:
ein Sarg? auf diese Art betont
die Unerträglichkeit? neinnein, laut
schlage ich ein Zupfinstrument,
bewirte euch mit heissem Tee, euch
freundliche Erschöpfte,
hier oben wirklich Angelangte
und lache noch im Hagelrauschen,
wenn der Himmel finstrer wird,
lache noch im Tränenfluss
und in der Kälte zwischen uns.
Im Staub der Körperdünstung lach ich,
geniessend unter Kraftaufwand
die uns gebotne Sicherheit.

Uwe Kolbe