Steht noch dahin
 
Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen
Todes sterben, ob wir nicht wieder hungern, Abfalleimer nach
Kartoffelschalen durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir
haben's gesehen. Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den
Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit
weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder
zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit
einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin.
 
Marie Luise Kaschnitz (Text auf Umschlag des gleichnamigen Buches)